Seit fast einem Jahr laufe ich jeden Tag – ohne Pause, bei Sonne, Regen, Müdigkeit oder Lustlosigkeit. Was als kleine Challenge begann, hat sich zu einer täglichen Routine entwickelt, die mich anfangs stärker, später aber leerer gemacht hat. In diesem Text geht es darum, wie mich Streakrunning fast den Spaß am Laufen gekostet hat – und warum Disziplin nicht immer gleich Zufriedenheit bedeutet.
Vom Abenteuer zur Pflicht
Am Anfang war das großartig. Ich bin täglich fünf bis zehn Kilometer gelaufen, fühlte mich stark und motiviert. Im Mai stand ich sogar wieder an einer Startlinie – beim 50-Kilometer Westerwaldlauf an Vatertag. Mein erster seit Jahren. Das war für mich ein echtes Comeback.
Aber irgendwann kippte das Ganze. Die Arbeit wurde intensiver, mein Kopf war ständig bei Projekten, Meetings, Deadlines. Es ist kein negativer Stress – im Gegenteil. Die neuen Aufgaben und Herausforderungen machen mir Spaß. Aber sie fordern ihren Platz. Und plötzlich blieb für das Laufen im Kopf kaum noch Raum.
Das tägliche Laufen wurde nicht mehr zu etwas, das ich wollte – sondern zu etwas, das ich musste. Aus „Mal sehen, wie lange du das schaffst“ wurde: „Mist, ich muss heute noch laufen, sonst ist der Streak vorbei.“ Ich zog’s trotzdem durch – selbst auf Dienstreisen, selbst wenn der Tag morgens um vier begann und erst nach zwei Flügen um elf Uhr abends endete. Dann ging’s eben kurz vor Mitternacht noch raus – Hauptsache, die 1,6 Kilometer Mindestdistanz sind im Kasten.
Kleine Läufe, große Leere
Früher habe ich immer gesagt: Unter fünf Kilometern ziehe ich mich gar nicht an. Heute sind etwa 75 Prozent meiner Läufe unter dieser Marke. Meist spätabends, müde, gestresst, zu schnell – einfach, um den Streak zu retten.
Und genau das killt mir gerade den Spaß. Ich laufe, aber nicht mehr für mich – sondern für die Statistik. Für den Haken im Kalender. Für den Zähler in der App.
Klar, 2000 Kilometer in diesem Jahr sind stark, knapp 50.000 positive Höhenmeter auch nicht schlecht. Mehr als die letzten beiden Jahre zusammen. Aber ehrlich gesagt: Es fühlt sich leer an. Das Laufen draußen, die langen Touren im Wald, das Abschalten, der Matsch, der Wind, das Gemeinschaftsgefühl – all das fehlt. Jetzt sind es Pflichtkilometer. Kein Genuss, keine Freiheit.
Streakrunning – nichts für mich
Nach fast zehn Monaten kann ich sagen: Streakrunning ist nichts für mich. Ich verstehe den Gedanken dahinter – Routine, Disziplin, Dranbleiben. Aber stumpf jeden Tag laufen, egal wie der Tag war, egal, wie ich mich fühle? Das ist nicht das Laufen, das ich liebe.
Dieses stumpfe „trotzdem machen“ – auch wenn man keine Lust hat – kennt man ja vom Ultralaufen. Nur hat es dort einen Sinn: ein Ziel, ein Zielband, eine Strecke, auf die man hinarbeitet. Beim Streakrunning fehlt mir genau das. Ich bin dadurch kein besserer Läufer geworden – nur ein konsequenterer. Aber das ist nicht dasselbe.
Ich wollte draußen sein, die Jahreszeiten spüren, mich fordern, mich verlieren und wiederfinden. Nicht jeden Abend drei Kilometer durch die Straße hetzen, nur um sagen zu können: Ich war laufen.
Verlorene Vielfalt
Was mir das Streakrunning außerdem genommen hat, ist das Radfahren. Ich war dieses Jahr genau einmal auf dem Rennrad. Kein einziges Mal auf dem Mountainbike. Früher war das anders: Im Sommer bin ich oft kaum gelaufen, dafür lange Radtouren gefahren – drei, vier, fünf Stunden am Stück.
Heute habe ich dafür hunderte kurze Läufe gesammelt. Aber körperlich hat mir das eher geschadet als genutzt. Mir fehlt das Ausdauergefühl, das die langen Touren gebracht haben. Ich habe dieses Jahr mehr Kilometer gesammelt als in jedem Jahr seit 2018 – und mich dabei doch kaum bewegt.
Wozu das Ganze?
Die Frage, die mich beschäftigt: Was bringt mir das eigentlich? Was habe ich davon, wenn ich das Jahr zu Ende laufe? Wenn ich 365 Tage vollmache und sagen kann: Ich habe es durchgezogen?
Klar, es fühlt sich irgendwie gut an, zu wissen, dass man das kann. Und ich bekomme Nachrichten von euch – von Läufer:innen, die sich davon inspirieren lassen. Einige haben selbst angefangen, täglich zu laufen. Andere schreiben, dass sie dadurch wieder mehr Motivation gefunden haben. Das freut mich ehrlich und zeigt mir, dass es sich trotzdem lohnt, meine Erfahrungen zu teilen.
Aber ich merke: Für mich selbst hat das Ganze keinen echten Wert mehr. Ich laufe – aber ich erlebe nichts mehr dabei.
Und das wirkt sich auch auf den Trail Running Podcast aus. Früher hatte ich nach jedem Lauf etwas zu erzählen. Ideen, Gedanken, Geschichten, die draußen entstanden sind. Heute? Wenn jeder Lauf gleich ist, wenn alles zur Routine wird, fehlt auch das Material, das mich sonst angetrieben hat.
Dazu kommt: Auch die Gästesuche kostet Zeit – das Schreiben, Abstimmen und Terminieren von Interviews ist aufwendiger, als viele denken. Ich möchte im Podcast nicht einfach dieselben Gäste einladen wie in der Flut anderer Laufpodcasts, sondern – wie früher – Menschen zu Wort kommen lassen, die man vielleicht nicht sofort auf dem Schirm hat. Vielleicht ruht der Podcast deshalb schon so lange – weil mir das Laufen gerade nichts Neues mehr gibt. Und weil ich keine halben Sachen machen will.
Die Szene, die sich verändert hat
Vielleicht liegt es auch daran, wie sich die Laufszene verändert hat. In meiner Social-Media-Timeline sehe ich immer mehr „Running-Influencer“, die jeden Lauf posten, jedes Training teilen – egal, wie banal es ist. Laufen scheint heute oft weniger Bewegung als Selbstdarstellung zu sein. Es geht nicht mehr nur ums Laufen, sondern darum, gesehen zu werden. Neue Schuhe, neue Uhr, neuer Upload. Likes statt Läufe.
Heute sind Influencer Laufmäuse oder Radmäuse, entweder top-performende Athlet:innen – oder das genaue Gegenteil, um die andere Hälfte der Szene anzusprechen: Anfänger:innen, Freizeitsportler:innen, Menschen, die sich gerade erst trauen loszulaufen. Auch hier zeigt sich dieselbe Polarisierung wie überall. Jeder sucht seine Nische, seine Zielgruppe, seine Botschaft. Am Ende ist es Marketing – wie bei jedem anderen Produkt auch.
Natürlich, ich habe selbst jahrelang über das Laufen geschrieben und gesprochen. Aber das ist etwas anderes, wenn man Geschichten teilt – statt sich selbst. Und glaubt es oder nicht: Jede Podcast-Episode war zumindest am Anfang eine Überwindung. Wer mich schon einmal bei Wettkämpfen oder Veranstaltungen getroffen hat, weiß vielleicht, dass ich eigentlich nicht der Mensch der vielen Worte bin. Nicht ganz ideal für jemanden, der einen Podcast macht – und sein eigenes „Produkt“ eigentlich bewerben müsste. Und trotzdem hat es der Podcast inzwischen auf fast eine halbe Million Downloads gebracht. Ein Zeichen dafür, dass ehrliche Gespräche und echte Geschichten eben doch ihren Platz haben – auch ohne große Bühne. Mittlerweile fühlt es sich so an, als wäre Laufen ohne Smartphone, Kamera oder App fast schon sinnlos geworden.
Und dann gibt’s Events wie den Last Soul Ultra, die plötzlich in allen Social-Media-Feeds auftauchen – als wäre das der neue Maßstab fürs Laufen. In diesem Fall lief der Organisator selbst 67 Runden – also 67 Stunden – und sorgte mit einer spontanen Aussage über angeblich 8000 mg Ibuprofen für Diskussionen. Später stellte sich heraus, dass er sich schlicht versprochen hatte, erschöpft nach Tagen ohne Schlaf. Doch anstatt das zu hinterfragen, wurde selbst diese Szene gefeiert – ein Sinnbild dafür, wie schnell sich in den sozialen Medien jede Geschichte zur Heldengeschichte aufblähen lässt.
Spannend dabei: Über die wirklichen Rekorde im Backyard Ultra spricht kaum jemand. Der deutsche Rekord liegt bei 82 Runden, aufgestellt von Hendrik Boury im Juni 2024 beim Suffolk Backyard Ultra in England. Bei den Frauen hält ihn Marina Kollassa mit 51 Runden, gelaufen bei den 1st Backyard Ultra World Team Championships – Germany (Danke an Christoph für die Korrektur).
Den Weltrekord setzte am 26. Juni 2025 der Australier Phil Gore, der beim Dead Cow Gully unglaubliche 119 Runden lief – also fast fünf volle Tage. Sein Assist, der Neuseeländer Sam Harvey, brach kurz nach Beginn der 119. Runde zusammen, während Phil sie in nicht einmal 34 Minuten beendete. Nur wenige Wochen zuvor hatte der Pole Łukasz Wróbel mit 116 Runden einen neuen Bestwert aufgestellt und damit den erst 2024 bei der Team-WM von den Belgiern Merijn Geerts, Ivo Steyaert und Frank Gielen erzielten Rekord um sechs Runden übertroffen. Ebenfalls bei dieser WM lief die Amerikanerin Megan Eckert mit 87 Runden einen Weltrekord bei den Frauen.
All das sind Leistungen, die kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen – kein Wort darüber beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, kaum Berichte außerhalb der Szene. Stattdessen wird ein kleines Social-Media-Phänomen groß erzählt, weil es besser klickt. Und genau das zeigt, wo zumindest ein Teil der Laufszene inzwischen steht: nicht bei der Leistung selbst, sondern bei der Geschichte drumherum.
Zurück zu mir
Vielleicht liegt es auch in gewisser Hinsicht an mir. Werde ich einfach älter – oder nur Social-Media-müde? Facebook habe ich längst deinstalliert, Instagram nutze ich kaum noch, und meinen Mastodon-Account habe ich gelöscht. Twitter? Schon lange nicht mehr aktiv. Ich habe keine Lust mehr, die Netzwerke amerikanischer Social-Media-Milliardäre mit Content zu füttern – Menschen wie Musk oder Zuckerberg, die mit ihrer Nähe zu Trump und seiner autoritären, faschistoiden MAGA-Bewegung eine Weltanschauung verkörpern, die ich strikt ablehne.
Vielleicht ist das der natürliche Lauf der Dinge. Vielleicht brauche ich einfach wieder mehr Draußen als Drinnen – mehr echtes Leben als digitale Bühne.

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